Simons Blog

Die Odyssee vom Gudbrandsdalen nach Røros

Gut erholt verlassen wir Toftemo und nehmen nun Røros als nächstes Etappenziel ins Visier. Die Sonne brennt schon früh am Morgen vom Himmel, als wir den Pilgerweg durchs Gudbrandsdalen unter die Füsse nehmen. Es geht direkt steil bergan und wir kommen tüchtig ins Schwitzen, dafür aber sind die Aussichten ins Tal hinab wirklich richtig klasse.

Der Pilgerweg ist gut markiert, aber wir staunen über die Zeit- und Kilometerangaben, die wirklich ziemlich defensiv gewählt worden sind und eher für ein gemächliches Wandertempo sprechen. Alsbald überschreiten wir die Baumgrenze und kommen ins Fjell, Schatten gibt es von nun an nicht mehr und auch Wasser nur noch an einem grösseren Bach. Wir treffen eine junge tschechische Pilgerin, die ebenso wie wir unter der Sonne leidet. Wir machen eine längere Pause und geniessen die Ruhe hier oben im Fjell und die Aussicht in Richtung Dovre-Fjell mit dem Snøhetta-Berg am Horizont.

Weiter geht es zum höchsten Punkt des Tages, wo ein grosser Steinhaufen den Weg markiert. Jeder Pilger soll dort wohl einen Stein von zu Hause aus ablegen, um sich von einer Last zu befreien, ein cooler Gedanke und wenn ich mir die Grösse des Haufens so ansehe, liegt ihr eine ziemlich grosse Last im Fjell.

Wir gehen weiter, es ist gut zu gehen, denn der „Gamle Kongevegen“ wurde früher auch mit Pferdegespannen begangen und ist dementsprechend breit und ausgetreten, ein wenig fühle ich mich hier der Einfachheit wegen an den schwedischen Kungsleden erinnert, aber das ist eine ganz andere Sache. Wir kommen so jedenfalls gut voran und gelangen am frühen Nachmittag nach Fokstugu, der ältesten Pilgerherberge auf dem Weg. Wir wollen dort Pause machen, und ein Kaltgetränk zu uns nehmen.

Allerdings sind wir ziemlich perplex, dass man hier nur bar bezahlen kann, schade aber auch, die eiskalte Cola bleibt im Kühlschrank und wir entschließen uns bald noch weiter bis nach Furuhaugli etwa 8 Kilometer zu gehen.

Den Platz kenne ich noch von früher und so gehen wir über den erst vor einem Jahr eröffneten Radweg entlang der E6 dorthin. Die Wärme des Tages fordert ihren Tribut, als wir auf dem Campingplatz ankommen und uns noch ganz allein im grossen Saal die letzten 15 Minuten des WM-Finales zwischen Frankreich und Kroatien ansehen.

Augen zu und durch

Der nächste Tag ist im Grunde schnell erzählt, wir machen es uns einfach und laufen weiter nach Hjerkinn über den Radweg. Alles gut zu gehen, aber wieder einmal brennt die Sonne erbarmungslos.

Wasser ist entlang des Weges kaum zu finden, die Bäche fast alle ausgetrocknet und zu allem Überfluss leidet Anni ganz besonders, ist ziemlich geschwächt, der Monatsyzklus schlägt erbarmungslos zu. Ich habe meine allergrösste Hochachtung vor allen Mädels, die damit auf Tour konfrontiert werden. Aber warum liesst man davon so wenig? Jede Frau auf einer längeren Tour hat doch dieses Problem? Nur weil man länger unterwegs ist, bleibt das doch nicht aus, oder? Naja, manche behaupten das zwar, wir aber können das nicht bestätitgen, aber vielleicht ist unsere Tour noch nicht anstrengend genug, als dass der Körper in einen Fluchtmodus oder was auch immer umschalten würde, wie wir schon mal irgendwo gelesen haben.

Wir sind dann auch recht früh in Hjerkinn, aber das ist auch echt gut so, mehr Zeit zum Ausruhen und um sich im Schatten abzukühlen. Und vor allem auch, um länger mit Andre zu quatschen.

Der hatte uns nämlich hierher eingeladen, denn er hat hier als Dauercamper einen Wohnwagen stehen und kommt in fast jeder freien Minute her. Und er hat drei Malamute-Hunde, mit denen er im Winter hier unterwegs ist. Wie cool ist das denn? Wir bauen unser Zelt auf, gehen duschen und dann entschliessen wir uns spontan, zusammen den Grill anzuwerfen. Grillgut und Bier ist schnell besorgt, wir fahren einfach mit Andres Pick-Up kurz ins 30 Kilometer entfernte Dombås – wie ich solche spontanen und unkomplizierten Aktionen liebe! Und so sitzen wir ziemlich lange zusammen, geniessen den Sonnenuntergang und die Abendstimmung bei Grillgut und Kaltgetränken, quatschen viel über Norge på langs.

Nach dem Frühstück und Kaffee bei Andre geht es weiter, wir wollen in drei bis vier Tagen in Røros sein. Der Abschied fällt schwer, am liebsten würden wir mindestens einen der Hunde mitnehmen. Vielen Dank für den coolen Abend Andre, das war echt der Knaller!

Auf alten Wegen durchs Fjell

Wir wollen heute über alte Wege weitergehen, die eigentlich nicht mehr gepflegt werden, aber noch in den Karten eingetragen sind.

Wir folgen dem Fahrweg bis Kvitdalen, werden dort aber von einer Kuhherde zu einem Umweg gezwungen. Wir müssten eigentlich ihre Weide überqueren, aber das forsche und bestimmte Auftreten der Tiere lässt uns einen Umweg einschlagen. Das aber geht gut und wir gelangen in das Tal westlich des markanten Råtåsjøhøi-Berges.

Das Tal ist der Knaller, der Weg gut zu finden und wir kommen gut voran. Gegen Nachmittag erreichen wir die Hütten am Fusse des Berges und vernehmen Donnergrollen, der Himmel verdunkelt sich allmählich und wir sehen zu, einen Zahn zuzulegen.

Wir erreichen gerade den Fahrweg zum Fundinsee, als der Himmel seine Schleusen öffnet und Thor seinen Hammer schwingt. Blitze zucken und der Donner fährt uns durch Mark und Bein! Hier so auf der offenen freien Fläche den Blitzableiter zu spielen ist nicht ganz so unser Ding und wir flitzen lieber schnell zu einer Alm, wo uns die Bäuerin obdach gewährt und wir das Gewitter aussitzen können.

Mit Blick auf den Fundin-See schlagen wir später unser Zelt auf und sind ziemlich groggy, uns schwant, dass wir uns bei der Etappenplanung eventuell etwas verhauen haben.

Mühsam ernährt sich der NPL-Wanderer

In der Nacht erhellen wieder Gewitter unser Zelt und am Morgen kommt wie aus dem nichts eine Schlechtwetterfront, die das Zelt kurz aber kräftig in die Mangel nimmt. Echt unschön, aber das Zelt ist ein gutes und übersteht alles schadlos. Nur wir sind angeschlagen. Anni noch immer aus bekannten Gründen und ich habe arge Verdauungsprobleme.

Wir schieben es aufs Wasser, wollen noch vorsichtiger sein. Dennoch ist der Tagesstart mehr als zäh und wir kommen nur mühsam vorwärts, der Körper schreit nach Ruhe, die wir ihm gerade nicht geben können. Wieder kommt ein Gewitter und wieder gewährt uns eine Bäuerin obdach, ich schlafe auf der Bank in der Stube augenblicklich für eine halbe Stunde ein. Wir quälen uns weiter, die Sinnfrage kommt uns mehr als einmal in den Sinn. Wir verlassen den Fahrweg und gelangen zur offenen Hütte am Kongsbekkelægeret.

Wir machen Pause in der Hütte und würden an liebsten hier bleiben. Wir gehen aber weiter, sonst haut unsere Planung noch weniger hin als sowieso schon.

Der Weg nun gehört zum coolsten, was ich in Norwegen bisher gesehen habe. Die grosse Weite mit grandiosen Ausblicken in die Ferne versöhnt uns etwas mit dem verkorksten Tag bisher und wir grinsen mehr als ein Mal, als wir uns so umsehen!

Wir gelangen zu einem alten Seterplatz, dort wollen wir unser Zelt aufschlagen. Zu unserer und ihrer Überraschung treffen wir dort auf ein Pärchen in unserem Alter, das gerade an einer alten Blockhütte herum werkelt. Nach kurzem Gespräch haben wir einen trockenen Platz in einer winzigen Hütte, die immer für Wanderer offen steht und von der wir nichts wussten und eine Einladung zum Abendessen in der Tasche.

Unverhofft kommt oft, und solch eine Überraschung mitten im Nirgendwo kommt besonders gut. Wir ruhen uns aus und gehen dann gegen 21 Uhr zum Essen – und das steht so manchem teuren Restaurant in nichts nach! Es gibt selbst gejagtes Rentier aus der Umgebung und es ist ein Gedicht! Und die Getränkeauswahl übersteigt unsere kühnsten Vorstellungen für diesen Abend! Auch hier können wir uns nur bei Gunnhild und Per Olav von ganzem Herzen aus bedanken!

Zu Hause weitab von zu Hause

Die Einladung zum Frühstück auszuschlagen können wir nicht übers Herz bringen, und so quatschen wir auch am Morgen noch lange, bevor wir aufbrechen und wieder einem alten, gut zu gehenden Pfad in Richtung Orkelbogen nehmen.

Nur das Schlammloch, das mich wie eine Pottsau aussehen lässt, trübt zwischendurch etwas die Stimmung.

Da man in Orkelbogen nicht übernachten oder etwas einkaufen kann, ist guter Rat teuer, denn uns geht langsam das Essen aus, wir brauchen 2 Tage länger als geplant bis Røros. Als wir an der Strasse stehen, auf deren anderer Seite wir morgen weglos übers Fjell wollen, sind wir etwas ratlos. Aber Gunnhild hat uns noch einen Telefonjoker mitgegeben. Ihre Tante May, nach der die kleine winzige Hütte von letzter Nacht benannt ist, wohnt in Tynset und würde uns ganz sicher helfen. Gesagt getan, nach zwei Anrufen und etwas Warten haben wir bei May einen Schlafplatz in Tynset und jemanden, der uns dort sehr gerne bei allem helfen möchte. Wir halten also den Daumen in die Luft und ein junges Paar nimmt uns standesgemäss in ihrem Mercedes mit nach Tynset und kurz darauf begrüsst uns Tante May überschwänglich. Aufgrund der Spontanität der ganzen Aktion verschwindet sie aber kurz darauf zu den Nachbarn, dort ist noch eine Gartenparty. Wir haben also ein ganzes Haus in Tynset bei völlig fremden Leuten für uns ganz allein, alles steht offen, wir können nehmen, was wir wollen! Was für eine irre Geschichte!

Zurück auf los über Kvikneskogen

Es wendet sich also alles zum Guten und am Tag darauf nehmen wir den Bus mit frischem Essen im Gepäck nach Kvikneskogen, um unsere Tour dort fortzusetzen, wo wir gestern aufgehört hatten. Der Busfahrer macht uns dabei einen unglaublichen Freundschaftspreis von nur 20 NOK für die Fahrt – ich glaube Norge på langs zählt in diesem Land wirklich richtig etwas.

Uns ist flau im Magen, der Wetterbericht verspricht für den Nachmittag schwere Gewitter und ergiebige Niederschläge und wir wollen weglos übers Fjell zur nächsten Alm. Ob das eine gute Idee ist? Der Aufstieg ins Fjell lässt uns jedenfalls daran zweifeln, durch dichten Birkenwald und Sumpf müssen wir uns selbst den Weg suchen. Im Fjell angelangt, besteht dies hier nur aus weichen Moospolstern und kniehohen Gewächsen, die einem beim Gehen einfach die Energie aus den Beinen ziehen.

Nun denn, wir müssen uns echt zusammenreissen, aber mit viel Geduld und mentaler Stärke schaffen wir es, nach fast 4 Stunden für 12 Kilometer kann uns das Donnergrollen über uns nicht mehr erschrecken, wir sind auf der Alm angelangt und die zuckenden Blitze über den Bergen können uns mal gern haben. Regen gibt es hier keinen und auch das Gewitter bleibt auf Abstand, vielleicht stinken wir zu sehr? Keine Ahnung!

Die Leute hier auf der Alm haben jedenfalls solch ein Wetter noch nicht erlebt, und die Bäuerin ist seit 40 Jahren jedes Jahr hier auf der Alm. Die Bauern können einem wirklich leid tun, viele werden ihr Vieh im Herbst schlachten müssen, da nicht genug Futter für den Winter auf den Feldern wächst. Der Grasschnitt ist in diesem Jahr ein Witz, das wird ziemlich hart und bitter werden.

Dann sind wir des Wahnsinns fette Beute und laufen noch über 20 Kilomter über Seterwege nach Vingelen und fallen todmüde dort ins Bett. Wir haben beide nur eine Banane und ein paar Nüsse tagsüber gegessen, mehr wollte der Körper gerade nicht haben. Erstaunlich wie weit man damit kommt, wenn es sein muss.

Almen, Almen und Røros

Die geplante weglose Route übers Fjell nach Dalsbygda klemmen wir uns, es sind weiterhin starke Gewitter und Regenfälle angekündigt. Die restlichen 50 Kilometer nach Røros gehen wir dann in weiteren zwei Tagen und machen drei Kreuze, als wir das Røros Hotell endlich erreichen.

Zwei Tage länger als gedacht hat es gedauert, der Körper hat zwischendurch ordentlich rebelliert und uns hat diese Etappe echt auf einige mentale Proben gestellt – aber wir haben es alles gemeistert!

In Kooperation mit Visit Norway

12 Kommentare

  1. Johanna Stöckl

    Liebe Grüße an euch beide!!!!!! Manche Bilder in diesem NL waren mir von meiner Pilgerreise nur zu bekannt. Haltet weiterhin gut durch, ihr zwei! mit ganz lieben Grüßen aus München, Jo

  2. Michael Ecke

    …es ist sehr schwierig für uns Außenstehenden, eure Strapazen nachzuvollziehen, ich lese aus den Zeilen die Verzweiflungen bzw. Sinnfrage auch raus, aber ich hoffe ihr schafft es euch weiter zu motivieren und habt die Stärke, das Ding weiter zu rocken, nichts desto Trotz habt ich jetzt schon eine gigantische und tolle Tour gemacht und super Erlebnisse und Leute erschlossen, ich hoffe eure Gesundheit besinnt sich wieder und ihr packt es weiter an!
    LG Michael

    1. Anni
      Anni

      Vielen Dank für deine Worte! Was ich auf dieser Tour auch gelernt habe, ist dass nach dem Tal eben auch wieder ein Berg kommt (sprichwörtlich und tatsächlich ;)) und man sich ganz sicher wieder berappelt. Da muss man durch und am Ende ist alles gut 🙂

  3. Andrea

    Lieber Simon, liebe Anni,
    es ist beeindruckend zu lesen, wie Ihr die Tour durchhaltet. Wir haben den größten Respekt und ziehen unseren Hut. Mich würde die Wärme dieses Jahr sicher noch mehr fertig machen als der endlose Winter im letzten Sommer … Und ja, die Sinnfrage gehört wohl immer dazu. Und irgendwie macht man es deswegen ja auch.
    Man liest in der Tat nie etwas zum Montaszuyklus von Frauen auf solchen Touren. Da ich dabei immer sehr leide, habe ich meinen im letzten Jahr mit Hormonen schlicht abgeschaltet. Wenn Frau die Pille einfach durchgehend nimmt und die 7 Tage Pause nicht macht, bleibt der Zyklus mit allen Beschwerden aus. War auch tatsächlich eine Empfehlung meiner Ärztin. Ist für ein paar Monate angeblich kein Problem und kein Risiko.
    Viele liebe Grüße und gutes Durchhalten,
    Andrea

    1. Anni
      Anni

      Hei Andrea, wir denken oft drüber nach, wie krass es letztes Jahr gewesen sein muss, und dieses Jahr ja auch auf seine Weise, aber man findet sich auf Tour wirklich mit erstaunlich vielem ab 😉 Das mit der Pille durchnehmen machen glaube ich viele Frauen so, ist ja auch praktisch, aber Hormone kommen für mich persönlich nicht in Frage. Eine Ibu richtets, wenns ganz schlimm ist… Liebe Grüße, Anni

  4. Melanie

    Hei,

    ja ja, die Sinnfrage. „Was mache ich eigentlich hier?!“ „Warum mache ich nicht entspannten 5-Sterne-Urlaub wie alle anderen auch?!“ Gehört irgendwie dazu dieser Zwiespalt. Weil wenn man dann abends vor seinem Zelt sitzt, fette Landschaften für sich allein und sie sich selbst „erarbeitet“ hat, oder den wohlverdienten Ruhetag genießt, dann weiß man sofort wieder „warum man sich das alles antut“. Das ist doch das Schöne an diesen Reisen – das Auf und Ab und das man hinterher so verdammt stolz auf seine Leistungen sein kann.

    Ich wünsche euch viel Glück und Erfolg bei den vielen Schritten, die da kommen.

    Liebe Grüße
    Melanie

    1. Anni
      Anni

      Ja da hast du sehr Recht! Der Stolz auf die eigene Leistung spielt eine ganz große Rolle, wenn es mal nicht so rund läuft. Und dann auch wiederum der Stolz, wenn man wieder „über den Berg“ ist 🙂

  5. Helge

    Ihr Lieben, Melanie hat so recht mit dem, was sie schreibt!
    Ich bin auch total beeindruckt von eurer Leistung und davon, wie demutsvoll und unaufgeregt ihr eure Erlebnisse beschreibt. Ihr könnt schon jetzt unglaublich stolz auf euch sein – auch wenn es euch vermutlich gar nicht darum geht. Ich freue mich sehr, dass ihr auch in den letzten Tagen immer wieder auf so liebe Menschen gestoßen seid, die euch – manchmal überraschend – unterstützt haben. Ich wünsche euch weiter von Herzen alles Gute und ein behütetes Weiterwander. Bitte passt gut auf euch auf und übernehmt euch nicht gesundheitlich. Ihr wisst ja, dass ihr niemandem etwas beweisen müsst! Ganz viele Menschen denken an euch!!
    Liebe Grüße Helge

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