Simons Blog

Der längste Ruhetag

Es könnte alles so einfach sein – isses aber nicht!

Ein kleiner Rückblick auf ein Jahr. Nur ein Jahr, es kommen noch so viele.

Ein Jahr, schwer in Worte zu fassen, gefühlt für mich der längste Ruhetag überhaupt, aber auch der geht irgendwann zu Ende und es geht weiter, das ist sicher. Wenn ich durch mein Album des Jahres am Handy flippe mutet es schon etwas unwirklich und mitunter ziemlich bizarr an. Am ersten Januar bin ich aufgewacht und hätte nie gedacht, was dieses Jahr auf mich, auf uns wartet. Aber wer von uns hätte das erwartet nach all den guten Vorsätzen? Ich wette 100 norwegische Kronen und eine Tafel Walters Mandler – niemand!

Voller Zuversicht auf ein Jahr voller schöner Touren und wunderbaren Erlebnissen. Die Flüge in den Norden sind gebucht, die Termine gemacht und die Pläne geschmiedet. Ich sitze im Auto, im Zug, quer durch die Republik. Von Freiburg über Marburg bis Braunschweig, es ist verrückt und surreal. In Braunschweig steht tatsächlich ein Pferd vorm Saal, jemand ist damit angeritten und auch sonst ein Abend der sehr, sehr lange nachwirkt. Nur dieser Vortrag in Karlsruhe noch, der erste Kollege auf der Arbeit gibt mir schon nicht mehr die Hand, Vorsicht ist geboten, wie recht er haben sollte.

Die Wanderlust muss warten

Die Pulka ist bereits gepackt, als ich im Zug stundenlang auf „Neu laden“ im Browser klicke. Beim Vortrag fliegen ohne Mikro und Ende die Aerosole, ich weiß da noch nicht einmal was das ist, die Abstände sind klein, hätte ich das alles damals schon gewusst. Am Bahnhof in Karlsruhe sitze ich am Abend, trinke Dosenbier und warte auf den Nachtzug in den Osten. Am Telefon ist klar, der Norden schließt die Pforten, es gibt gerade wichtigere Dinge. Im stickigen Schlafabteil mit einem völlig Fremden zwei Betten unter mir liege ich lange wach, der Zug rattert durch die Nacht, die Gedanken kreisen ohne Ende.

Noch einmal arbeiten, dann beginnen die ruhigen Ruhetage. Ein verordneter Winterschlaf im Frühling, wer weiß schon wie lang. „Stay Home“ steht auf einem großen Schild bei uns im Wohnzimmer-Fenster, hoch über dem belebten Platz von dem wir nun mehr und mehr Abstand nehmen. Es wird ruhiger, Geschichte wird gemacht und wir sitzen zu Hause. Entscheidend ist auf dem Sofa die Parole. Viel Zeit für alles mögliche, die Gedanken suchen sich ihren Weg, EinLöffelButter kommt dabei rum, unter anderem.

Uns geht es gut, das wird mir schnell klar, das soziale und finanzielle Netz ist gespannt und fängt uns auf, die Wohnung hyggelig und ausreichend groß. Aber es geht nicht allen so, dazu genügen ein paar Anrufe und Zoom-Calls, wie schnell das gehen kann. Mehr Freizeit für einander heißt nicht mehr Freiheit, wie verrückt. Und mir wird mehr und mehr bewusst, wie gut es mir, uns geht, auch wenn mir beileibe nicht jeden Tag die Sonne aus dem Allerwertesten strahlt. Ich denke oft an die anderen. Der abendliche Lauf zum Mount Corona mit dem Podcast Nummer 1 auf den Ohren gibt Hoffnung und Verständnis, am Ende der dunkeln Gasse erstrahlt ja bekanntlich die Gelbe-Wand.

Durchhalten

Irgendwann geht es wieder los, in kleinen Gruppen getrennt kommt wieder etwas Schwung in den Alltag. Das Gelb-Schwarze Klebeband aus dem Frühjahr klebt noch jetzt und nun schon echt lange vor der Vitrine im Erdgeschoss vom Globetrotter in Dresden, so schnell werden wir den Abstand wohl nicht mehr los. Nur 800 von ein paar 1000 Quadratmetern sind zugänglich, ich komme mir im Erdgeschoss vor wie Zerberus, aber es nützt ja nix – wir sind froh überhaupt wieder etwas Freiheit im engen Korsett zu erlangen und zu ermöglichen.

Der Sommer kommt, die Temperaturen steigen, wir lockern uns. In Sachsen freut man sich, das Virus wütet im Westen, nicht bei uns, wir sind anders – da ist der Boomerang schon längst von der Hand.

Die Maske wird unser Alltagsfreund, wir versuchen uns an etwas Normalität, für die Kunden auf der Arbeit da zu sein, alles fürs Draußensein klar zu machen. Die Leute kommen, gehen raus, wie verrückt sind alle nach frischer Luft. Den dunklen Alu-Schatten möchte ich dabei schnell vergessen.

Die Arbeit kommt wieder, zwar kurz aber nicht wenig. Der Osten prosperiert, die Berge vor der Haustür beliebter als jemals zuvor, der Boomerang ist noch nicht auf dem Weg zurück. Wir kommen ran, die Fesseln der Kurzarbeit werden bald Geschichte sein. Vor der Haustür gibt es ja auch schöne Dinge, den Forststeig oder die Elbe zum Beispiel, den Massen die lange Nase machen, es klappt erstaunlich gut. Und die Gravelbikes sind der Kauf des Jahres, nie vorher konnte man die Nähe so schön abenteuerlich entdecken. Jetzt ist alles ausverkauft.

Die Sonne brennt, der Virus scheint im Sommerschlaf. Aus der „Not“ machen wir eine Tugend, erkunden das große Weiße auf der Landkarte zwischen Dresden und Dortmund mit dem Fahrrad. Beginnen Dinge zu verstehen und unsere Heimat neu zu entdecken. Treffen mit Freunden brauchen jetzt ein Konzept? WTF! Vor nicht mal zehn Jahren wurde im Partykeller noch geraucht. Es ist verrückt, auf der Rückfahrt verpassen wir sogar den Zug ohne umzusteigen, was kommt als nächstes?

Der Herbst steht vor der Tür, Schweden ist das neue Norwegen, die Tour dort mit den Gefährten eine Wucht, durchatmen und vergessen, das herbstliche Fjäll versöhnt mit dem Jahr – aber ob der schwedische Weg der richtige ist? Ich hege Zweifel, begründet wenn man den laxen Umgang mit der Gefahr am eigenen Leib erlebt – 40 Mann ohne Fenster in einem Raum auf der Hütte – wenn das die Leute zu Hause wüssten.

Kurze Pause in Schweden

Ein Lichtblick war das Fjäll keine Frage, aber nur ein kurzer. Am Lagerfeuer sitzen und einfach quatschen, Bier trinken und Tacos futtern, das geht nur kurz, tut aber unglaublich gut. Der Boomerang fliegt auf seiner Bahn nun schon wieder zurück, als ich in eine Kamera blicke und den ersten Live-Stream meines Lebens bestreite, nach einer Nacht in einem komplett leeren Hotel als einziger Gast. Was für eine Erfahrung dieser Stream! Das Feedback unfassbar, ich bin zutiefst dankbar für die Möglichkeit zu Hause bei so vielen Leuten für ein wenig Ablenkung, Zuversicht und Fernweh zu sorgen.

Das Ende ist absehbar, vom Jahr aber nicht von Covid-19. Wir haben alles gegeben, aber kurz vor knapp geht es wieder los, nur eine Woche ohne, dann ist die Kurzarbeit wieder da. Hello my friend!

Und dann halten wir ihn wieder in der Hand, das unbekannte Fluggerät schlägt wieder ein, der Boomerang kommt zurück und schickt uns wieder nach Hause. Nun sind wir im Osten tiefrot und stehen auf den ersten Plätzen der Tabelle, völlig ungewohnt und viel zu dynamisch, nicht mehr nur der Westen oder die anderen – im Supermarkt bekomme ich zwischen den unfassbar vielen Leuten ohne Ab- und Anstand am Angebotsdonnerstag fast eine Panikattacke, jetzt weit weg im menschenleeren Norden.

Alle zusammen?

So oft wie der Krankenwagen bei uns am Haus vorbeifährt, es ist mittlerweile unglaublich. Rafft ihr es nicht? Wie wäre es mit einem Praktikum im Krankenhaus um die Ecke? Ein ums andere Mal denke ich zurück an meine prägende Zeit als Zivi im Krankenhaus, ich möchte gerade nicht tauschen, insgeheim doch, es gibt nichts erfüllenderes als für andere da zu sein und zu helfen, das ist unbezahlbar aber von jeher nicht richtig entlohnt.

Die Ignoranz der anderen holt mich wieder ein, das große „Warum?“ klopft wieder an die Tür und lässt mich am letzten Arbeitstag etwas ratlos nach Hause gehen. So früh hatte ich noch nie frei an Weihnachten, sogar ein paar Tage eher als der Westen. Meine Gedanken kreisen überall und bleiben bei den Leuten hängen, die sich wütend vor mir aufbauen und grinsend mit ihrem Attest aus dem Yps-Heft wedeln oder sich aufs Grundgesetz berufen nur weil sie eine Maske tragen sollen – wie kann man nur leugnen was so offensichtlich ist?

Die Episoden mit den Judensternen erspare ich uns, niemand von den Verweigerern musste sich am Bahnhof melden, wurde im Viehwaggon nach Osten gefahren oder hat eine Nummer auf den Unterarm tätowiert bekommen – und sie können sich mit ihrer Meinung sogar nach Anmeldung ungestraft auf die Straße stellen. So quer kann ich gar nicht denken und so viel kann ich gar nicht kotzen wie ich möchte, aber vielleicht fehlt mir einfach die Phantasie, ich bin lieber realistisch, nicht so ein Hans guck in die Luft, aber Schlucke ist ja auch ein Kollege.

Auf Wiederholung

Nun sitze ich hier, krame wieder das „Stay Home“ Schild fürs Fenster aus dem Frühjahr hervor, sieht aus wie neu, was für ein Mist, was für ein Jahr. Mir geht es gut, meinen Freunden geht es gut, die Einschläge im engeren Umfeld sind eher moderat, was für ein Glück. Aber jedes Martinshorn vorm Fernster erinnert mich daran, was ich tun kann, damit das so bleibt. Und sei es nur die App auf dem Handy zu installieren und eine Maske aufzusetzen, tut nicht mal weh, ist ganz easy.

Ich muss akzeptieren, dass nicht alle so denken, aber ich kann auch voran gehen. Im kleinen, jeder kann das. Einkaufen geht auch einmal die Woche, Weihnachten ohne die ganz große Familie, hei, geht klar, für manche ist das traurige Normalität für uns nur die Ausnahme im Sinne aller. Jeder kann etwas tun, wir sitzen alle im selben Boot, völlig unironisch. Es geht nur zusammen, was für cooler Gedanke in diesen modernen Zeiten. Abgefahren, oder?

Lasst uns alle gemeinsam für einander einstehen, für einander da sein und uns gegenseitig unterstützen. Wir schaffen das, da bin ich mir ganz sicher. Bleibt positiv, gebt keinen Millimeter nach wenn sich jemand gedanklich querstellt und geht mit gutem Beispiel voran. Ich weiß, dass es nicht immer positiv ist, dass nicht alles super ist, aber wir kriegen das hin. Ich hab hier zum Beispiel ziemlich viele Postkarten, wenn dunkle Wolken bei euch aufziehen, dann lasst es mich wissen, ihr seid nicht allein und wir gehen zusammen da durch.

Haltet durch, versucht positiv zu bleiben und schaut nach vorn, wir gehen einfach zusammen weiter und am Ende stehen wir gemeinsam am Ziel, High Five, umarmen uns und sind zusammen stolz auf das, was wir gemeinsam erreicht haben! Dann stoßen wir am Lagerfeuer an und gucken zurück auf ein ziemlich verrücktes Jahr, das ziemlich viel auf den Prüfstand gestellt und am Ende gezeigt hat, dass man alles schaffen kann wenn man zusammen hält und die Konjunktive streicht! Stoßt heute alle im Rahmen der Möglichkeiten an, bei mir zu Hause auffem Dorf heißt das dann „orgelt euch mal schön achtarmig einen rein!“, und dann geht’s weiter – bleibt gesund und stabil – det ordner seg!

Danke an alle die für mich da waren, da sind und mich immer so cool unterstützen!

‘Cause love is free and life is cheap,

and as long as I’ve got me a place to sleep,

some clothes on my back and some food to eat,

then I can’t ask for anything more!

P.S.: Und wer sich ganz unaufgeregt in diesen Zeiten zum Thema informieren möchte, dem lege ich auf Instagram Marc Raschke ans Herz – Dortmund represent!

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