Simons Blog

Fernwehalltag

Oft werde ich in letzter Zeit gefragt, na schon wieder eingelebt? Ich überlege dann immer was ich sagen soll. Einfach “na klar, muss ja, kann ja nicht immer so weiter gehen” oder aber ein klares  “NEIN, nach so einer Tour ist nichts mehr wie vorher” ?

Kommt immer auf die Stimmung und den Fragenden an, aber im Grunde ist meine persönliche Antwort ziemlich klar, ganz klares Nein. Allein der Straßenverkehr, insbesondere auf der Autobahn, hat mich fast in den Wahnsinn getrieben. Mit Warp -Geschwindigkeit fliegen die Autos an einem vorbei und jeder will der Schnellste sein. Rücksicht ist eher dem Zufall als der Absicht geschuldet.

Die wirklich wahre Welt?

In dieser Woche war ich des Öfteren in Dortmund in der Innenstadt unterwegs. Der Wahnsinn, der ganze Weihnachtstrubel, die Menschenmassen die sich über den Weihnachtsmarkt schieben und all der Konsum, alles im Überfluss. Oft komme ich mir dann fremd und fehl am Platz vor. Auch im Westfalenstadion oder auf dem Weg dorthin, in der überfüllten U-Bahn zum Beispiel, bekomme ich ein beklemmendes Gefühl. Für mich völlig neu und so vor meiner NPL Tour total unbekannt. Ich gehe schon ziemlich lange zur Borussia, es ist immer wieder atemberaubend ins Stadion zu gehen, aus dem Mundloch auf die Tribüne zu treten und meinen Platz im Block 81 der Südtribüne einzunehmen. 25.000 Menschen unterschiedlichster Couleur vereint auf einer Tribüne. 80.000 Menschen zusammen in nur einem Stadion.

Die wirklich wahre Welt?

Die wirklich wahre Welt?

Es geht so eine gewaltige Kraft und Stimmung von diesem Stadion und den Menschen, die es zum Leben erwecken, aus, Gänsehaut pur. Der Wahnsinn, das zu erleben und ein Teil des Ganzen zu sein. Die Emotionen so intensiv zu fühlen, wie ich es ansonsten kaum woanders erleben kann. Es ist schwer zu beschreiben, was dort vor sich geht, wenn man ein großer Fan ist und so an “seinem” Verein hängt. Für Außenstehende völlig unverständlich, aber wer einmal in diese Welt eintaucht, kann sich ihrer nur schwer entziehen.

Aber genau so empfinde ich es auch, wenn ich an die Reisen in den Norden denke. Für Außenstehende ist es auch oft sehr bis völlig unverständlich, wie man sich das antuen kann, mit einem 30kg schweren Rucksack, mit seit vier Wochen ungewaschenen Klamotten bei Nieselregen und 0°C, allein durch eine Gegend zu laufen, in der im großen Umkreis einfach nicht viel ist, außer Natur und Rentieren. In der gesamten! Finnmark in Norwegen leben weniger Leute, als hier in Dortmund jedes zweite Wochenende ins Stadion gehen! Einfach unglaublich, wenn man sich das mal vor Augen führt.

Schlagartig wird mir dann auch immer wieder bewusst, wie sehr ich die Stille, die Weite und die Natur im hohen Norden Norwegens genossen habe. In diesen Momenten kehre ich wieder zurück, in die Gedanken meines gelebten Traumes, in die Weiten des hohen Nordens in die wirklich wahre Welt vielleicht. Aber was ist die wirkliche Welt? Hier im Herzen Europas, in einer der coolsten aber auch am dichtesten bevölkerten Gegenden Europas oder in den Weiten des hohen Nordens, in denen ich mich so wohl wie kaum woanders fühle? Ich glaube ich habe da meinen Platz gefunden, meine Entscheidung getroffen. Es könnte so einfach sein.

Keine Ahnung, wie es anderen geht, die lange unterwegs waren. Wenn ich jemanden anderes treffe, der unterwegs war, egal wie lang, versuche ihn immer dannach zu fragen. Wie geht es dir, wenn du nach Hause kommst? Wie verarbeitest du das? Willst du zurück? Was ist deine wirklich wahre Welt?

Wem es genauso geht oder wer darauf schon seine persönliche Antwort gefunden hat, teilt es mit mir 😉 Schreibt mir gerne dazu eure Gedanken, Erfahrungen und Empfindungen, es interessiert mich brennend, wie ihr, die ihr auch da draußen in der Welt unterwegs seid, damit umgeht!

12 Kommentare

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    Gabi

    Hi Simon,
    mir geht es auch so. Gerade lange Reisen in die Natur verändern den Menschen.
    Wenn wir nach drei oder sechs Monaten von einer Reise zurückkommen, hören wir oft: “wie? Schon wieder daheim. Hier gibt es nichts Neues!” Doch wir sind voller Erinnerungen an unglaubliche Erlebnisse, sprudeln nur so vor Lebendigkeit und haben ein großes Mitteilungsbedürfnis. Doch niemand will wirklich hören, was wir erlebten. Der Alltag ist da. Doch was ist Alltag?
    liebe Grüße

    Gabi

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    Olaf

    Nein, wirklich lange war ich noch nie unterwegs. Aber immer wieder. Zwei Wochen Kungsleden hier, eine Skitour in Lappland dort. Zwei Mal pro Jahr war ich mindestens im Norden und jedes Mal wieder habe ich es schwer gehabt, mich in den Lärm der deutschen Großstadt einzufinden. Und immer wieder habe ich überlegt, nach Skandinavien zu ziehen. Vor dreieinhalb Jahren bin ich nach Nordschweden gezogen und lebe jetzt in Skelleftehamn. 3000 Einwohner hier und 34000 in der Stadt Skellefteå, wo ich arbeite. Das passt mir perfekt. Das Leben ist ruhiger, die Menschen freundlicher und entspannter und ich fühle mich sauwohl hier. Das Meer ist vor der Haustür, es schneit gerade und ich fühle mich der Natur näher. Das Kajak kann ich zu Fuß zum Badeplatz ziehen.

    Diesen Sommer war ich in München, dort habe ich fünf Jahre gelebt, ehe ich nach Schweden ging. Dieser Blogartikel schildert ein bisschen meine Gedanken von der anderen Seite: Über die alte Wahlheimat aus der Sicht der skandinavischen Geborgenheit.

    http://blog.olafschneider.de/2013/07/01/muenchen-von-oben-schoen/

    Schöne Grüße,
    Olaf

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    Sven

    Servus Simon,

    sprichst aus dem Herzen und toller Artikel. Ja, es braucht seine Zeit, bis der Geist sich wieder an großstädtische Gesellschaft gewöhnt hat. Meiner brauchte nach meinem Jakobsweg glatte 3 Monate, um sich wieder “zu Hause” zu fühlen. Und das war auch gut so. Seitdem ist vieles anders…
    Und das wünsche ich Dir auch. Denn nichts ist schöner, als ein bleibender — tief empfundener — Eindruck, der die Dinge verändert. Und zwar für immer.
    😉

    Gruß.
    Sven

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    Thomas

    Hi Simon,

    ich war zwar noch nicht so lange wie Du in der Wildnis, aber nach meinen 1-2 wöchigen Wanderungen (z.B. Island, Grönland) fühlte ich mich nicht wirklich wohl in Deutschland. Genau wie Du es beschreibst ist es zu hektisch, überfüllt, etc.
    Nach einer 2-monatige Auszeit in Neuseeland fiel es mir extrem schwer mich wieder in Deutschland einzuleben. Kann dich somit sehr gut verstehen und ich fühle mich definitiv wohler in der Natur als in einer (Groß)-Stadt.

    Viele Grüße

    THOMAS

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    Rolf Schuchmann

    Hallo Simon, Du fragst in einer Bildunterschrift “Die wirklich wahre Welt”? Darauf kann ich Dir nur mit “Ja” antworten! Das man nach der Wildnis und Abgeschiedenheit in der Du einige Monaten verbracht hast sich diese Frage stellst ist verständlich. Doch real ist nur die Gegenwart. Das soll nicht heißen, dass man nicht noch an die ein oder andere schöne Situation gerne zurückdenken soll. Wichtig ist trotzdem dass man schnellstens Gegenwartbewußtsein übt und einkehren lässt. Nordnorwegen ist nicht die “wahre” Welt. Sie ist wunderschön und erlebniswert. Aber immer dort sein? Nein Danke! Die Selbsmordrate im Norden Skandinaviens ist exorbitant hoch. Menschen werden depressiv und dadurch krank. Das kann wirklich nicht das Ziel menschlichen Lebens sein. Da tauche ich doch wirklich ab und an in norwegische Wildnis ab und freue mich dann auch die nächste Fahrt.

    1. Simon
      Simon

      Hei danke für all die tollen Rückmeldungen! Ich bin also nicht allein 😉 “Schön” das es “Leidensgenossen” gibt. Es ist echt schwer, das anderen, unbeteiligten Leuten näher zu bringen, die das Gefühl so halt nicht kennen. Es ist nichts blöd hier, im Gegenteil, nur anders halt nach all der Zeit. Wie ich bereits schrieb, ich glaube, die Wirklichkeit ist immer das, was man daraus macht! Und das mache ich hoffentlich 😉

  6. Avatar
    Rolf Schuchmann

    Hallo Simon, weshalb hast Du den Anspruch anderen Leuten Deinen Gefühlsstand mitzuteilen und um Mitgefühl zu bulen? Jeder der outdoormäßig schon mal längere Zeit unterwegs war kennt dieses Gefühl der Leere nach langen oder aber nicht ungefährlichen Touren. Schnell stellt man sich und das was man gerade tut in Frage. Menschen, die solche “Abenteuer” bisher überhaupt noch nicht gemacht haben, erreichst Du damit dann auch nicht. Wer soll sich denn in diese Abgeschiedenheit/Einsamkeit hindenken können? Übrigens: Wenn Du eine “nur” zweiwöchige, dafür aber anspruchsvolle Bergfahrt machst, dann wirst Du u.U. dieses Gefühl auch bekommen. Die Dimension “Gefahr” kann dort noch ausgeprägter, ja elementarer sein. Trotz eines Bergkameraden. Gegen das “Leiden” hilft Planung. Schau nach vorn – denn da liegen Deine nächsten Herausforderungen! Egal welcher Art. Deine schönen Erfahrungen aus unserem Lieblingsland werden Dir dabei helfen diese zu meistern!

    1. Simon
      Simon

      Hei Rolf, du hast natürlich Recht und vor allem, ich habe keinerlei Ansprüche um Mitgefühl zu buhlen oder mich mitzuteilen, ganz im Gegenteil! Ich wollte einfach nur mal beschreiben, wie es manchmal so geht. Scheinbar geht es ja vielen so, die Länge, die Einsamkeit oder Gefahren der jeweiligen Tour ist da völlig egal. Deshalb bin ich weit davon entfernt, gleich alles in Frage zu stellen oder wegen dem Ende einer Reise gleich in Depressionen zu verfallen, keine Sorge. Vielleicht liest sich der Beitrag so, aber dem ist ganz und gar nicht so. Aber es ist schön, wenn man auch mal etwas kontrovers darüber reden kann. Das haben wir ja auch schon so gemacht und das finde ich super. Gerade weil man auch mal weg war, weiß man doch die Heimat und da wo man her kommt vielleicht eher zu schätzen. “Woanders is auch scheisse” sagt Frank Goosen, recht hat er damit, es ist nicht alles Gold, was scheinbar glänzt. Ich lad dich morgen in der Mittagspause auf nen Kaffee ein, dann erzähl ich dir mal von meinen nächsten Plänen, nach der Tour ist vor der Tour 😉

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    jessie

    Toller Artikel und da spichst du mir ein wenig aus dem Herzen. Jeden Tag – eigentlich schon direkt nach dem Aufstehen – denke ich an einen anderen Ort. An das was ich vor habe und stoße dabei auch täglich auf fragende Gesichter.

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